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Das Graue im Kopf

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Das Graue im Kopf

Gehen fällt schwer – jeder Schritt ist ein Kraftakt. Ich gehe langsam, gebückt, schleppend. Schicke die Kinder nach Salz, weil ich die drei Schritte in die Küche nicht schaffe. Alles tut weh, Rücken, Beine, Arme, Nacken, Augen – Körperschmerz. Ich bin so müde, dass  während der Fahrt die Augen zufallen.Ich fühle mich, als hätte ich Blei am Körper und Blei im Kopf. Zu denken, tut körperlich weh.

Sprechen fällt schwer. Ich schaffe: „Mmm.“,“Ja?“, „Mmh!“. Ich achte nicht auf die Fragen. Dann musste ich denken und das ist zu anstrengend,  das schaffe ich nicht. Das Gerede um mich ist meist banal und deshalb egal. Ich fühle mich wie in einer Glaskugel, sehe draußen Menschen, die gestikulieren und ihre Münder bewegen. Ich höre nur dumpfe Schallwellen und bin froh, dass es die Glaskugel gibt.

Denken fällt schwer-ein Watteschleier in meinem Kopf. Ich schaue beim Laufen nur nach vorn und unten; links und rechts ist egal. Ankommen, hinlegen. Nur sein und nicht reagieren. Kein Reden, kein Denken, kein Bewegen. Ich bin langsam und vergesslich. Jeglicher Kontakt ist eine Belastung.

Tun fällt schwer – ich agiere wie eine Maschine. Befehl empfangen und ausführen. Dinge funktionieren, weil ich sie schon 1000 Mal getan habe. Neues würde ich jetzt nicht bewältigen. Alles ist auch so körperlich anstrengend. Ein Glas halten, den Fuß auf der Kupplung lassen …Was wollte ich machen? Wohin wollte ich gehen? Sinnlos, was ich gerade tue.Wie hieß der und warum redet der mit mir? Ach, auch egal.

Wahrnehmen fällt schwer. Alle Sinneseindrücke sind zuviel. Farben tun weh. Sogar der Himmel ist mir zu blau, es sticht in Augen und Kopf. Ich fühle grau und kann nur grau ertragen. Ich bin noch geräuschempfindlicher als sonst. Berührungen sind unangenehm. Medien konsumiere ich nicht. Laut, aufdringlich, nichtig. Die Welt mit ihrem Getöse und ihrer Selbstgefälligkeit geht mich nichts an.

Fühlen fällt schwer – Wut, Trauer, Freude, Liebe. Es ist zu anstrengend, sich in die Gefühlstiefen hineinzubegeben.Ich kann das nicht mehr. Katze weg – egal, neues Auto – egal, Kind hat sich verletzt – nicht so schlimm, also egal. Wenig kommt zu mir durch, wenig erreicht mich. Ich weine nicht. Ich bin nicht traurig. Ich bin nur leer.

Ich fühle mich wie 80 und sehe auch so aus. Böse, unzufrieden, grummlig. Tiefe Kerben neben dem Mund, glanzlose Augen. Ich sehe aus, wie sehr lange nicht mehr gelacht, obwohl das nicht stimmt. Ich wirke unendlich müde und erschöpft.

Zuviel. Zuviel Menschen, zuviel Lärm, zuviel Gedanken, zuviel Tun. Leben fällt schwer.

Aber ich weiß, diese Tage gehen vorbei. Mit Ruhe, Alleinsein, Wärme, Schlaf, Zeit.

Es geht schon wieder.

Neja

Die Einsamkeit ist ein dichter Mantel, und doch friert das Herz darunter.

Erwin Guido Kolbenheyer