Golems night

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Golems night

Nach acht Jahren Selbstständigkeit endlich wieder im soliden Angestelltenverhältnis. Ich genoß meine erste Weihnachtsfeier mit viel essen, noch mehr trinken und Sachen ausplaudern, die man eigentlich gar nicht sagen will. Am Anfang noch züchtig bei Wein, floss drei Stunden später der Wodka. Und er floss wirklich, über den Tisch, die Kleidung… Vorbildlich Diversity lebend, haben wir eine hohe Russendichte unter den Mitarbeitern. Kein Problem für mich, denn siehe hier. Die Chefin bot allen da Du an – (das zweite Jahr in Folge, wie ich später erfuhr) und nahm es am nächsten Montag wieder zurück. Ich liebte meine Kollegen durchgängig und verzieh ihnen gewesenen und prophylaktisch auch schon mal zukünftigen Stress. Auch die Geschäftsleitung tat kräftig an allem Unsinn mit. Zur später Stunde schloss der Wirt das Lokal und wir konnten drinnen tanzen und rauchen. Besonders ersteres mache ich gern, aber viel zu selten. Zweitens tue ich selten und nicht einmal besonders gern. Egal, enthemmt wackeln wir zu James Brown und fühlen uns gut.

Der abholende Gatte besah sich die Lage erst mal von draußen. Kurzzeitig dachte er, der Golem wäre zurückgekehrt, so übergroß und unmotorisch warf unsere Tanzerei den Schatten an die Häuserwand. Nachdem er sich hereingetraut hatte, musste er noch über eine Stunde warten, bis seine Frau ihre kompletten Tanzkünste gezeigt (wir waren musikalisch bei Sisters of Mercy und Rage against the Machine angelangt) und sich von ihren neuen Freunden verabschiedet hatte.

Das Wochenende verging mit Katerbekämpfung und Selbstzermürbung.  Akzeptieren die mich noch? Kann ich mich auch albern und schwach zeigen? Nehmen meine Mitarbeiter noch Anweisungen an, wo sich mich zu ‚Killing in The Name of‘ haben zappeln sehen? Wie soll ich der Geschäftsführung meinen Gehaltserhöhungswunsch verkaufen, nachdem ich in der großen Witzerunde: „Ich erzähl jetzt was mit Sex!“ geschrieen hatte?

Montag: Ich bin als Erste da und täusche Fleiß vor, das Tastaturklackern hört man bis in den Flur. Der Erste erscheint, den Blick gesenkt, zögernd quälen wir uns durch Smalltalk. Kein Wort zur Weihnachtsfeier. Nach und nach schleicht sich die ganze Bande herein, alle außergewöhnlich still. War ich soo peinlich, dass sie jetzt nur noch den nötigsten Kontakt mit mir suchen? Erleichternd kapiere ich: Nee, nicht nur ich, die haben sich ja alle zum Klops gemacht. Wie war das mit dem Mitarbeiter, der 20 min mit einem über dem Kopf erhobenen Stuhl dastand? (Warum, weiß er selbst nicht.) Und der Kollegin, die zu dem Omaknaller „Das rote Pferd“ gardemäßig die Beine in die Luft warf? Der Chef, der eine oberpeinliche Polonaise anführte und später machomäßig Zigarre paffte? Wir nahmen uns alle nichts. Nach und nach tauen die Kollegen auf und es werden die Geschichten der Nacht rekapituliert. Nachdem die blödeste Aktion gekürt wurde, geht es ziemlich fix ans Tagesgeschäft. Schön, wenn man zusammen peinlich und professionell sein kann.

Der Oberste brubbelt gegen Mittag: „War ’ne coole Party am Freitag. Ich hab Leute, die können gut feiern und gut arbeiten.“

Gerne ab und zu ein Golem

Neja

 

Glück ist immer das, was man dafür hält.

Ingrid Bergmann

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