Ich kauf dir eine schöne Schulzeit

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Ich kauf dir eine schöne Schulzeit

Nein Lehrer, LRS ist nicht heilbar! Und nein Schulleiterin, der Knoten wird nicht platzen. Wer gleich platzt, bin ich.
Vorgeschichte: Als ich wegen eines Arztbesuchs meine Kinder vormittags in der Schule abholte, fand ich Sohn 1 völlig aufgelöst und verheult im Flur sitzen. Rot im Gesicht, zappelnd, sich mit den Händen an den Kopf schlagend. Vor sich eine Leistungskontrolle, die er nachschreiben musste; was an sich völlig in Ordnung ist. Aber um ihn herum Kinder, die ständig zur Toilette eilten und vor denen er seine Tränen zu verstecken suchte. Er stand enorm unter Druck, die ihm die ablaufende Zeit, der Inhalt der Arbeit und die anderen Kinder machten. Der verzweifelte kleine Kerl – wie gern hätte ich ihn in die Arme genommen. Aber er musste sich vor mir quälen. Sohn 2 kam mir mit seiner Arbeit in ähnlichen Zustand von irgendwoher entgegen. Die Jungs waren geistig und körperlich total erledigt, es brauchte zwei Stunden großer Mutteraufmunterungskunst, bis ich sie wiedererkannte. Kann man für das Nachschreiben nicht eine andere Örtlichkeit im Schulgebäude finden? Muss man Kinder mit dieser Symptomatik 45 min allein lassen?
Meine Söhne haben leider das komplette Rundumsorgenpaket von ADHS/LRS/Dyskalkulie/AVWS/undkeine Ahnungwasnochkommt mitbekommen. Ich bin wirklich keine dieser Mütter, welche die Sprachstandsentwicklung auf den Monat genau herbeten kann und bei jeder Auffälligkeit sofort Hochbegabung/ADHS/Autismus/Hochsensibilität … schreit. Mir wäre es tausendmal lieber, sie wären stinknormal, mittelmäßig, von mir aus auch faul. Es wären uns literweise Tränen und quälende Gedanken erspart geblieben. Ich habe mich sehr schwer getan, jedes Jahr eine neue Diagnose zu akzeptieren, welche die Aussicht auf eine sorglose Schulzeit nochmals verschlechterte. Ich hätte aber gern noch dreimal so viel Zeit, Geld und Nerven für Ärzte, Therapien, Nachhilfen, Hilfsmittel investiert, wenn die Chance auf Besserung bestünde. Tut sie aber nicht. Meine Söhne haben einen IQ leicht über Normalwert, sind verbal sehr stark und sozial kompetent. Sie lesen, haben eine gute Allgemeinbildung und ein enormes Gedächtnis. Sie können aber nicht schreiben/rechnen/stillsitzen – und nur das zählt im deutschen Regelschulsystem.
Ich setze mich in Lehrerweiterbildungsseminare und versuchte am Wochenende einige Defizite aufzufangen. Ergebnis: viele Tränen, noch mehr Wut und kein Wochenende bei allen Beteiligten. 0,01% Erkenntniszuwachs bei den Betroffenen. Ist es das wert? Nachdem der letzte medizinische, therapeutische, pädagogische, heilpraktische und ich gestehe, esoterische Strohhalm verbraucht war, akzeptierte ich die Tatsachen und versuchte, den Schulalltag der Kinder erträglich zu gestalten. Bei der Recherche fanden sich tolle Sachen wie Förderunterricht, Nachteilsausgleich und Hilfsmittel wie eine Spracherkennungssoftware. Euphorisch wanderte ich zur Schule und bekam zu hören: „Wie, mündliche Abfrage? Dann wollen das ja alle.“ „Vorn soll er sitzen?“ „Geht nicht, er ist zu groß.“ „Einen Computer, der allein mitschreibt?“ „Jetzt hörn Sie aber auf!“ Seitdem wuseln wir uns mit zunehmender Frustration durch ausfallenden Förderunterricht und dem kompletten Desinteresse, mit einigen Ideen und didaktischen Hilfsmittel den Unterricht für die Kinder anzupassen. Schon eine Kopie des Tafelbildes, die man zu Hause in Ruhe abschreibt und dadurch den Stoff für den nächsten Test auch wirklich lernen kann, würde reichen. Das macht aber Arbeit, braucht Engagement und ein bisschen Herzblut – eigentlich Eigenschaften, die mindestens bei Grundschullehrern zu erwarten sind.
Als bewährten Vorschlag zur Problemlösung bat man mir hingegen den Verbleib in der Klassenstufe an. Wie lange sollen die Kinder denn verharren? Nur weil ich dreimal die Großschreibung lerne, muss ich sie nicht kapieren. Der vielbeschworene Knoten wird auch dann nicht platzen, wenn ich 100mal das gleiche Wort übe. LRS-Kindern fällt drei Tage später noch eine neue Schreibweise ein. Und was macht das emotional mit Kindern, wenn sie drei Köpfe größer sind als Klassenkameraden und trotzdem weniger können?
Ein zweite vorgeschlagene Variante war der Unterricht nach dem Rahmenlehrplan der Sonderschulen: normal intelligenten, interessierte Kinder schließen damit nach mindestens 10 Jahren (wenn Vorschlag 1 zutrifft, auch länger) die Schulzeit mit dem Abschluss der 8. Klasse ab. Dass meine Kinder keine Ärzte oder Elektroingenieure werden, ist mir klar. Aber bekommt man als Gärtner oder Autoschrauber mit diesem Abschluss überhaupt eine Chance auf eine Ausbildung? Wo doch jeder Koch am besten Abitur braucht?
Letztendlich stand dann noch die Umschulung in die Förderschule im Raum: Mein kerngesunden, wortgewandten, phantasievollen, naturwissenschaftlich interessierten Jungs in eine Einrichtung mit dem „Förderschwerpunkt Lernen“ oder „emotionaler Förderbedarf“? Bei dieser Aussicht wird sogar das verbotene Homeschooling eine andenkenswerte Variante.
Die Lehrerschaft ist nicht mit der seit Jahren bestehenden Gesetzeslage vertraut, noch in irgendeiner Art und Weise auf die Inklusion vorbereitet. Personal, Wissen über Teilleistungsschwächen und Goodwill fehlen. Motivierte Kinder entwickeln Schulangst und verschenken ihr Potential. Ich erwarte keine Wunder, nur ein bisschen Bewegung im System und den Blick auf den Einzelnen. Meine Kinder sind nicht Variante a, b, oder c.
Letztendlich wird es wohl eine Umschulung auf eine Privatschule werden, welche die Kinder größtenteils in Ruhe lässt und „durchschleift“. Das finde ich elitär und unehrlich, aber wenn das staatliche Schulsystem nicht reagieren kann, muss ich meinen Kindern eben eine Schulzeit ohne Angst kaufen. Das Leben danach ist leider in keinster Weise käuflich, aber vielleicht haben sie so viel Stärke und Strategie entwickeln, dass sie ihren Weg auch ohne das Dehnungs –h machen.

Wer will, ist des Schicksals Freund, wer nicht, sein Knecht.

Cicero

 

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  1. Es tut mir so leid für Dich, vor allen aber die Kinder! Privatschule finde ich gar nicht elitär, sondern das ist hier 1. Hilfe! Wirklich schade, dass Eure Lehrer so reagieren. Und auch so beratungsresistent sind. Lehrer denken ja aber meist (wie Juristen *hüstel) sie kennen und wissen sowieso schon alles. Und das, was sie nicht kennen, gibt es für sie nicht. Mach Dich stark udn stärke die Kinder, am besten durch Gelassen bleiben. Alles Gute für Euch!

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