Archiv der Kategorie: Konsum

Glückliche Hühner

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Glückliche Hühner

Der Spaziergang führte mich wie so oft an einem sehr kargen Hühnerauslauf vorbei. Das Federvieh ist  ein Fall für den Tierschutz- zerrupft und unterernährt. Der Boden ist nur mit zigfach durchwühlter trockener/schlammiger Erde bedeckt, in der schon lange kein Wurm oder Käfer mehr lebt. Die  Kämme der Tiere hängen runter und sie drängen sich vor ein Loch, aus dem wahrscheinlich ab und zu Abfälle gefüttert werden. Trotzdem geht es ihnen immer noch viel besser als vielen Millionen Artgenossen in den Legebatterien. Alles ist grau – der Boden, die Hühner, meine Stimmung.Was tun? Beim Halter klingeln? So wie das Gehöft aussieht, geht es ihm nicht besser als seinen Viechern. Täglich heimlich füttern? Ein Loch in den Zaun schneiden, auf dass sich der Fuchs freut? So war das mit den freilaufenden Hühnern wohl nicht gemeint.

Sobald jemand vorbeikommt, rennen die Tiere aufgeregt an den Zaun, in der Hoffnung, dass doch mal etwas Grünes herüberfliegt. Heute tat ich ihnen den Gefallen und rupfte vom Weg ein paar nasse Grasbüschel. Die älteren Hühner stürzten sich schnell und (wie mir schien freudig) gackernd auf das Grünzeug. Die Junghühner peilten die Lage nicht so schnell und kamen zu spät. Also noch dreimal gerupft und dann freudig nach Hause marschiert.

Hühnerlady Neja

*Die Hühner auf dem Bild sind wirklich glücklich.

Große Dinge zerfallen in Kleine. Kleine zerbröseln in Staub.

Aus Japan

B.F. und B.G.

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B.F. und B.G.

Ich nutze die Feiertage, um zu  Kinderkleidung auszusortieren und zum Verkauf einzustellen. Das kostet Zeit und Nerven, die ich aber jetzt gerade habe. Vorgestern schaffte ich ein paar Kisten und hatte ein merkwürdiges Erlebnis, was ich gerne löschen möchte.

Ich stellte gute, hochwertige Badekleidung meiner Tochter ein und es entwickelte sich folgender buchstabengetreuer virtueller Dialog:

B.F. „Hi. Ist noch sa“

Ich: “ Was möchten Sie?“

B.F. „Ich will die Wäsche kaufen.“

Ebay: „Sie hatten gestern Kontakt mit dem Interessenten B.F. Wir möchten Sie warnen, mit dem Interessenten Geschäfte abzuschließen, da er sich nicht an unsere Nutzungsbedingungen hält.“

Ich: „Hallo B.F. Ich werde mit Ihnen keine Geschäfte machen, da Sie die Ware unangemessen verwenden.“

B.G. „Hi. Ist noch da?“

Mir ist ganz komisch, zumal ich mit Klarnamen (zum Glück ohne genaue Adresse) inseriere. Ich habe das Angebot gelöscht. Denkt ihr das Gleiche wie ich? Ist es wirklich so einfach und bin ich wirklich so blöd?

Neja

Arglos ist man nur einmal, dann beginnt die Erfahrung.

Art van Rheyn

 

Thank you, Hermesfrau

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Thank you, Hermesfrau

Es gibt so viele Menschen, die uns unterstützen und unseren vollgepackten Alltag etwas erleichtern:

  • die kleine und nicht mehr so rüstige Kernfamilie
  • die wenigen Freunde, die eine Karte schicken, Äpfel vor die Tür stellen oder auf einen Schnaps vorbeikommen
  • die Nachbarn, die im Alltag nicht so präsent sind, auf die man sich im Notfall (Baum fällt auf die Garage, Hund ist weggelaufen) verlassen kann
  • die Teenisitterin, welche streitende Kinder, streichelbedürftige Tiere, kochendes Essen und doofe Hausaufgaben gleichwertig im Blick hat
  • der Hundesitter, welcher unseren Hund täglich kostenlos und mit viel Freude ausführt
  • und zu guter letzt unsere Hermespostfrau: Eine bewunderswert agile Mitdreißigerin, die sich immer gut gelaunt und tapfer durchs Leben schlägt. Ich glaube, sie hat fünf Jobs. Schon früh im Dunkeln, wenn wir zu Schule und Arbeit fahren, treffen wir sie auf dem Fahrrad für den lokalen Postverteiler unterwegs. Dann ist ab Nachmittag mit dem Hermesauto in der Stadt unterwegs. In der Weihnachtszeit klingelte sie ganz verschämt und entschuldigend („Sie hätte noch Licht gesehen.“) nach 20.30 Uhr bei uns. Ich habe gelesen, dass die Hermeszusteller zu ihrem geringen Grundgehalt pro abgegebenen Päcken 50 Cent bekommen. Skandalös, wenn es wirklich so ist. Meistens kann man bei Bestellungen nicht selbst entscheiden, welcher Paketdienst liefern soll.  Ich habe ein schlechtes Gewissen, kann ihr aber nur mit netten Worten und einem großzügigen Trinkgeld in der Weihnachtskarte helfen.

Neja

Keine Schuld ist dringender als die, Danke zu sagen.

Cicero

In der Klamottenhölle oder selber schuld

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In der Klamottenhölle oder selber schuld

Ich war da. Zum ersten und zum letzten Mal. Ich war im geschmähtesten, verhasstesten, ausbeuteristischsten (ich weiß, die Steigerung gibt es nicht – finde ich aber hier angemessen) Billigklamottenladen überhaupt. PRIMARK. Das lag zum einem daran, aber auch an meiner Neugier. Ehrlich gesagt, wir waren in der Stadt und ich wollte das einfach mal sehen. Ich nahm mir zwei Alibi-Interessentinnen (12, 13, w) mit, die wirklich Spaß hatten und die Expedition als „schönsten Tag, seit sie denken können“ bezeichneten. Die Komponenten des Grauens kamen zusammen: Samstagnachmittag+3. Advent+Berlin – aber selber schuld. Wer nicht auf andere hören kann, muss wortwörtlich fühlen.

Im Laden waren nur unwesentlich weniger Kleidungsstücke als potientielle Käufer existent. Es wurde geschoben, getastet, gerochen, gerieben (an Kleidung wie an Menschen). Es gibt dort nicht nur Einkaufstaschen (die auch schon recht groß sind), sondern gleich ganze Trolleys, in denen der Fummel kiloweise hineingeworfen wird. Die Kassenschlangen sind dreireihig. Ich sah einen Mitarbeiter, der nur den Job hatte, sich hinter den jeweils letzten Wartenden anzustellen und ein Schild hochzuhalten, auf dem „Zu den Kassen“ stand. Die Musik kann man nicht beschreiben; es war immer die selbe Tonfolge, ziemlich schnell und wahrscheinlich euphorisierend wirkend (sollend). Ich stand eine Weile im Eingangsbereich und erlebte mehrfach die Szene, wie Familie frohgemut das Portal überquerten, die Väter und Männer angesichts des Gewühles schockgefroren stehenblieben und folgende Verabredungen trafen:

„Oh Schatz, das kannste mir nicht antun.“

„Nee, nee, keine zehn Pferde kriegen mich hier rein.“

„Alter, ich gloobs nich. Ne und tschüss.“

„Nee, ohne mich – in einer Stunde am Bierstand.“

„Mach diesmal keene Szene.“ (zur pubertierenden Tochter)

Alles in allem, eine Mischung aus KIK  und IKEA mit einem großen Weihnachtsmarkt vor der Tür. Damit wenigstens der Benzinverbrauch etwas gerechtfertigt wurde, habe ich mir einen Schal und Socken gekauft. Übrigens, meine Namensbedeutung: Neja = Synonym für doofe Sachen schönreden.

Mit abgeschreckten und schamvollen Grüßen

Neja

*So verwackelt wie das Foto aussieht, fühlte ich mich da drinnen.

Neben der edlen Kunst, Dinge zu verrichten, gibt es die edle Kunst, Dinge unverrichtet zu lassen.

Lin Yu-Tang

Die Abrechnung – Einstieg oder Dispoliebe

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Die Abrechnung – Einstieg oder Dispoliebe

Ich habe kein Geld. Ich habe natürlich Geld, aber da es so wenig ist, kommt es mir so vor, als ob ich gar kein Geld habe. Nichts Neues, werde viele seufzen, da geht es dir wie mindestens 50 Millionen anderen im Land.

Für mich ist dieser Punkt ein gravierendes Lebensdefizit, denn ich nicht länger so hinnehmen will. Ich bin Akademikerin und habe eine Menge Berufserfahrung. Momentan arbeite ich im sozialen Bereich in einer Führungsposition und habe manchmal faktisch weniger als meine Klienten. Ich möchte mir bei meinem Aufgabenpensum und Verantwortungsbereich nicht den Kopf zerbrechen müssen, ob es für Kinderschuhe oder den Friseurbesuch reicht. Tut es nicht, denn der Dispo ist mein bester Freund.

Pekuniär besteht dringender Handlungsbedarf:

  1. Im Januar steht ein Personalgespräch mit Gehaltsverhandlung an, über dessen Vorbereitung es noch einen Post geben wird. (Edit: schon passiert.)
  2. Ich muss mir 2016 weitere Einnahmequellen erschließen, von denen ich bisher weder das WAS noch das WANN weiß, wobei zweiteres bei meinem Alltag fast noch bedeutender ist.
  3. Ich werde noch genauer auf meine Ausgaben gucken und hier monatlich Rechenschaft ablegen. Wie schnell ist nach einem blöden Tag der Online-Einkaufswagen beim großen bösen Händler mit o,o3 Cent Büchern gefüllt (die Versandkosten verdränge ich grundsätzlich), die dann wieder auf dem ungelesen Stapel landen und vielleicht hier vorgestellt werden. Das Ganze läuft unter dem Titel Die Abrechnung und soll inhaltlich bitte von euch kritisch kommentiert werden.

Danke.

Neja

20151227_103249

*Auf dem Foto seht ihr die Sparbüchsen der Familie. Ich habe keine.

Geld hat an und für sich noch nie jemanden glücklich gemacht, aber es hat mir stets ein Gefühl der Sicherheit gegeben und auf diese Weise meine Fähigkeit zum Glücklichsein gesteigert.

Audrey Hepburn

Buch der Woche- Einstieg

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Buch der Woche- Einstieg

Ich habe 1000 Bücher und nochmal weitere 1000 gelesen. Ich fraß mich durch Stadtteilbibliotheken und verschlang Literaturkanons. Im Alter von 12 Jahren übergab man mir den Schlüssel und die Verwaltung unserer Dorfbibliothek, da ich mich sowieso die meiste Zeit darin aufhielt. So hatte ich endlich Gelegenheit, ungestört diesen komischen Zola nach noch komischeren Stellen zu durchblättern, bevor Frau Müller nach einem neuen Bastelbuch kam und ich ihren Namen und das Ausleihdatum auf so ein Pappkärtchen schrieb, welches man einer Lasche im Buch entnahm und dann in einen Karteikasten einsortieren musste. Jaa, alles noch manuell damals.

Also damals hat mich Bücherstaub angefixt und bis heute nicht mehr losgelassen. Ich tat manchmal nichts anderes als Lesen. Früh stellte ich mir einen Wecker, um vor der Schule noch Inhalt zu saugen, tagsüber malte ich mir aus, wie es weiterging und war ganz bei den Figuren und am Nachmittag bis in die Nacht überprüfte ich dann meine Theorien am Buch. Ein Meisterstück, um meine Sucht zu überspielen, war die Tarnung durch vermeintliche Haustätigkeiten. Ich lies den Staubsauger 30 Minuten laufen, lag daneben und las. Während ich mich in Studentenzeiten durch zwei Bücher täglich (keine Fachliteratur) arbeitete, sind es heute nur noch die 10 min vor dem Einschlafen.

Das möchte ich ändern. Ich möchte den Stapel neben meinem Nachtschrank (siehe Foto) abbauen und ich möchte die euphorisch aus der Bibliothek mitgenommen Bücher nicht nach dreimaliger Verlängerung wieder ungelesen abgeben müssen. Ich werde ab jetzt jede Woche ein Buch aus meinen Regalen oder von meinen Stapeln ziehen und etwas dazu schreiben. Wenn ich Pech habe, habe ich das Buch noch nicht mal gelesen oder seinen Inhalt vergessen. Dann muss ich das eben nachholen.

Nehmt mich beim Wort.

Ich freue und fürchte mich.

Neja

Hast du ein Gärtchen und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen.

Cicero

 

Die Käse-Sherry-Diät

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Die Käse-Sherry-Diät

Ich bin dick, übergewichtigt, adipös – da beisst die Maus keinen Faden ab. Wenn sogar Oberteile in Größe 48 spannen, kann man nichts mehr schönreden. Das Leiden fing mit meiner ersten eigenen Wohnung an, als ich meine neue Freiheit wortwörtlich verstand und Wochen mit Studiumschwänzen, Dauerfernsehen und Essen verbrachte. Die ersten Punkte habe ich Dank Ehrgeiz-und Geschmacksbildung überwunden, am Essen hänge ich nach wie vor. Vor der Hochzeit schaffte ich mit einem Zweitwohnsitz im Fitnesstudio 5 Kilo abzubauen, um mir dann in der ersten Schwangerschaft hemmungslos jede Nacht einen Tetrapack Grießbrei (ja, es ist eklig) reinzuhauen. Dann sah man mich gutgläubig strampelnd auf dem Balkon oder mit dem Kindewagen joggend im Wald, nur um 15 Monate später erneut schwanger zu werden. Seitdem probiere ich systematisch alles aus, was das Marktsegment hergibt. Einstiegspräperate kaufte ich in der Drogerie oder die ominöseren Sachen später im Internet. Natürlich versuchte ich technikgestütztes Movement (unmotiviertes Schlurfen mit dem Handyantreiber in der Hand) oder Sport in der Gemeinschaft – ich habe mittlerweile meine dritte Fitnesstudiomitgliedschaft ausgesessen. Ich ließ mich akupunktieren, hypnotisieren, sogar operieren. Der Klassiker sind natürlich Diäten oder ganze Ernährungskonzepte, die mich schon ein halbes Leben begleiten. Ich war stolze Besitzerin eines Büchlein mit dem Titel „Die hundert besten Diäten“, durch das ich mich arbeitete. Ziemlich am Anfang stieß ich auf die Käse-Sherry-Diät, welche darin bestand, den ganzen Tag nur eine bestimmte Käsesorte zu essen (welche, habe ich aus Scham verdrängt) und eine nicht unbeträchtliche Menge Sherry dazu zu trinken. Ich hielt gerade den zweiten Teil vorbildlich ein und war eine Woche dermaßen berauscht, dass jegliches Hungergefühl betäubt wurde. Geht doch, sollte ich mal wieder machen.

Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.

Teresa von Avila