Archiv der Kategorie: Konsum

Buch der Woche 5 – Elke Naters: Königinnen

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Buch der Woche 5 – Elke Naters: Königinnen

Habe aus Gründen wenig geschrieben, aber trotzdem gelesen. Nun bin ich sehr in Verzug,  schon KW 8 und erst drei Bücher vorgestellt! Jetzt aber los, Frau Kopp.

Wir beginnen mit Elke Naters „Königinnen“. Ein kleines, dünnes Buch, welches schon lange im Regal steht und – gefühlt –  um die Jahrtausendwende (yes, geschrieben 1998) zu mir kam. Da gab es doch ganz viel von diesen kleinen Befindlichkeitsgeschichten.

Das Buch hat viele Hauptsätze. Die sind meist banal. Sie ermüden schnell.  Weil nichts passiert. Es hat auch unglaublich coole Sätze wie diese hier: „Wenn man so eine Musik hört, egal wo, muss man sofort umdrehen und  hinausgehen, weil bei dieser Musik bekommen die dümmsten Menschen gute Laune, das ist so unerträglich, dass kann man  sich gar nicht vorstellen. Weil sonst bekommt man als nicht dummer Mensch die schlechteste Laune, die man sich vorstellen kann.“

Es geht um um zwei Frauen, Männer, Berlin und Shopping. Es geht um Einsamkeit, Kommunikation, Freundschaft, Neid und Armut.

Das dünne Büchlein schafft es, ungesagt bzw. ungeschrieben ganze Paletten erwachsenen Zweifelns aufzuschichten und wieder abzutragen. Oft strengt die Hauptsatzsprache an. Sie wirkt zu nüchtern und zu spröde. Aber wenn man sich auf diesen stakkatohaften Fluß einlässt, erscheint das Unsichere und Suchende dahinter. Wie geht erwachsen sein? Wie geht Freundschaft?

Ich gebe es trotzdem weiter. Nicht, dass ich beide Fragen beantworten könnte (siehe hier), aber es passt nicht mehr in meine Zeit. Literaturempfehlung in der Literaturempfehlung: Bernhards „Wittgensteins Neffe“ werde ich lesen.

Mein Leben ist voll von ermüdener Hausfrauenscheiße.

aus „Königinnen“

 

Ermüdet Neja.

 

Ich geh als Coladose

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Ich geh als Coladose

Angesichts der anbrechenden Faschingszeit folgende Anekdote des letzten Jahres:

Aufgrund seines fortgeschrittenden Alters und des damit einhergehenden Coolnessfaktors, beschloss Sohn 1: „Ich geh als Coladose.“. Mein guter Mann, der die Söhne auf Spontanquatsch sozialisiert hatte, zuckte nicht und fertigte am Abend dieses unten zu sehende 1A-Verkleidung. Fußbodenbelag, eine ruhige Hand und Farbdosen waren vonnöten.

Man mag das Produkt, den Hersteller und das Herkunftsland nicht gut finden (mir wurde letzteres noch als „imperialistischer Aggresor“ indoktriniert) -das Kostüm war der Knaller. Der Zylinder mit den zwei Armlöchern ließ die üblichen Klonkrieger und Stormtropper blass ausssehen. Der Sohn bekam den Publikumspreis und vergaß, dass er sich in dem unförmigen Teil nur schwer bewegen, nicht sitzen und an keinen Spielen teilnehmen konnte.

Dieses Jahr wird es wohl ein Minecraftklotz werden (hat jemand Schaumstoff?), die Söhne spielen manisch und reden nur noch in gamersprech:“Ich komme essen, ich habe nur noch drei Hungerkeulen.“ Soll was heißen, dass das Kind ziemlich hungrig ist, denn der optimale Minecraftsättigungsgrad ist ab neun „Hungerkeulen“ (wie die Dinger richtig heißen, wissen auch die Kids nicht) erreicht.

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Helau

Neja

*Im Hause Kaleidoskopp gibt es natürlich äußerst selten Cola.

** Zählt das als DIY-Beitrag? Ich wollte doch nicht…

„Dem Fröhlichen gehört die Welt, die Sonne und das Himmelszelt.“

Theodor Fontane

Die Abrechnung – Januar

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Die Abrechnung – Januar

So, jetzt ist es soweit. Ich muss der Welt meine desaströse Finanzlage offenbaren und meine monatlichen Ausgaben erklären. Dabei zählen nur Barausgaben und Ausgaben mit der EC-Karte, sonst wird es zu verwirrend.

Ich werde für mich jeweils entscheiden, ob die Ausgabe notwendig oder überflüssig war. Wobei, wo sind da die Grenzen? Wo ziehe ICH die Grenzen? Notwendig sind eigentlich nur Wasser und Brot. Wo geht mein persönlicher Luxus los? Wieviel kann ich mir verbieten, ohne die Lebensfreude zu mindern? Sich alles, alles zu verkneifen, ist doch auch nicht das Wahre. Ich merke schon, dass wird nicht angenehm.

11,69 Bäcker ?? (Hier ne Brezel und da ein Brötchen, könnte man reduzieren, allerdings find ich das für drei Kinder und 4 Wochen okay.)

8,00 Lotto LUXUS

89,42 Lebensmittel ?? (Oje, ein großer Posten. Dabei ist das nur das Nachkaufen zum Wochenendeinkauf: Brot, Getränke, Obst und Gemüse….) Allerdings beim genauen Hinschauen öfter auch mal Käse, Jogurt, eine Zeitschrift, Chips für die Kinder- soll ich das unterlassen?

5,00 Lebensmittel LUXUS (Das ist die Lidl Pasta.)

34,45 Mittagessen für mich LUXUS (Ich könnte auf der Arbeit meine Brote rausholen…, will ich aber auch nicht immer. Etwas Sparpotiental ist hier drin.)

22,00 Abendessen NÖTIG (Teambildende Maßnahme)

49,23 Mittagessen für die Kinder ?? (davon 12,00 NÖTIG) Die Kinder essen aus Zeitgründen an zwei Tagen kein Schulessen, haben aber trotzdem einen langen Tag – würde es hier ein Brot tun? Ich glaube nicht.) Wobei, im Januar haben wir mit dem warmen Essen übertrieben.

29,00 Fahrkarten ich NÖTIG

57,00 Friseur LUXUS (Andererseits muss ich auch im Job etwas gepflegt aussehen.)

16,50 Schulkram NÖTIG (Billiger gehts immer, aber Zeit…)

21,92 Drogerie (Billiger gehts immer, aber Zeit…)

44,11 Tierbedarf (u.a. Katzenklo) Braucht eine Katze zwei Klos?

19,80 Kontaktlinsen ?? (Kann natürlich auch mit ner Brille rumlaufen, will ich aber nicht. Siehe Friseur.)

30,00 Kettenreparatur  ?? (Die Ketten lagen zwei Jahre bei mir herum, allein bekommt man das nicht hin. Hätte sie auch wegwerfen können, sind aber lange Begleiter.)

3,60 Parkgebühren ?? (Kann natürlich ewig nach einem nicht gebührenpflichtigen Parkplatz suchen, aber Zeit…)

7,50 Bücher LUXUS

4,55 Kaffee LUXUS

85,10 Tanken NÖTIG

14,9 Haushaltswaren (Billiger gehts immer, aber Zeit…)

50,11 Apotheke NÖTIG

10,75 Briefmarken NÖTIG

38,50 Archivkiste LUXUS

2,30 Blumen LUXUS

15,00 Tastatur (nicht akut nötig, bevor aber die Laptoptasten bei den Kinder kaputtgehen, ist das vorbeugend gedacht.)

31, 00 (Schmuck Kind und ich) LUXUS

So, insgesamt habe ich im Januar ungefähr 700€ ausgegeben, davon 130€ eindeutig nicht notwendige Ausgaben. Bei einigen Posten kann ich nicht festlegen, ob es noch notwendig oder schon Luxus ist. Dies ärgert mich, denn es handelt sich eigentlich um so selbstverständlichen Kram wie Essen, Drogerie und Haushaltswaren. Wie weit will und kann ich mich beschränken? Muss es immer nur das allerbilligste und niedrigwertigste sein? Warum kann ich meinen Kindernicht einfach so ein Überraschungsei oder eine Obstschale kaufen?

Und wieder einmal tritt zu Tage, dass alles auf die Formel Zeit oder Geld hinausläuft. Natürlich kann ich viel selbermachen, ewig einen Parkplatz suchen, alle Discounter nach Angeboten abfahren (nein, ablaufen, um Bnzin zu sparen), dann habe ich aber keine Zeit mehr, 30 Stunden arbeiten zu gehen.

Geärgert hat mich: mit meiner Qualifikation und meinem Job die zwei Packungen Lidl – Edelpasta als Luxus bezeichnen zu müssen. Müsen Bücher für 1 € wirklich Luxus für mich sein? Ich empfange doch kein Hartz 4, das muss mein Gehat doch hergeben?

Stolz bin ich: zweimal am reduzierten Modeschmuck-Aufsteller vorbeigekommen zu sein. Ich hatte sogar diverse Sachen in der Hand, habe aber alles wieder zurückgelegt, da ich mir die Frage: „Brauch ich das wirklich?“ eindeutig und unzweifelhaft mit „Nein!“ beantworten musste. Ich bin eine große Meisterin im Selbstbelügen und war diesmal knallehrlich zu mir. (Letztendlich habe ich dann doch einem anderem Schmuckgeschäft nicht wiederstehen können.)

Diese Aufstellung macht mich traurig und wütend. Meine Argumentationen für das Gehaltsgespräch werden schlüssiger.

Es grüßt Neja

Ach, reines Glück genießt doch nie, wer zahlen soll und weiß nicht wie.

Wilhelm Busch

Papiernazi

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Papiernazi

Ich habe kürzlich 7 kg einseitig bedrucktes Papier weggeworfen. So.

Mmmhhh…. Tiefes Einatmen mit strafendem Augenbrauenhochziehen auf der anderen Seite. Das macht man doch nicht! Du Papiernazi. Die Bäume, das Klima, du bist mit Schuld, wenn die Welt zugrunde geht, blabla…

Lange Jahre sammelte ich alles Bedruckte bis zum Format A5 und stapelte es zu hohen Türmen, in der Hoffnung auf Verbrauch irgendwann durch irgendwen. Sogar bei den letzten Umzügen schleppte ich einen Karton einseitig bedrucktes Papier mit. Man müsste mal die Ökobilanz des gefahrenen Umzugskartons (immerhin 300 km) im Verhältnis zum Otto-Billig Neublock ausrechnen, aber ich wollte alles richtig machen.

Ich habe zwar drei kritzelwütige Kinder, die müssten aber bis zum Rentenalter malen, um die Stapel ansatzweise abzutragen. Sie sind auch in einem Alter, wo sie Bilder verschenken oder Papier verbasteln und da ist es schon peinlich, wenn auf der Rückseite die Mahnung für obskure Abnehmpräparate oder Seminarmaterial über die psychosoziale Entwicklung des Kindes zu sehen sind. Außerdem benutzen wir aus Geiz äh Sparsamkeitsgründen dünnes Papier, was bedeutet, dass die Druckerzeilen durchschimmern. Die Kids haben also kein rein weißes Blatt vor sich, was den Malspaß erheblich schmälert, weil man die grauen Linien in das Bildsujet einbauen muss.

Ich selbst schreibe zwar alle Konzepte, Pläne und Listen auf diesem Papier vor – mehr als 5 Blätter pro Woche verbrauche auch ich nicht. Stattdessen quetsche ich täglich fünf neue Blätter in die Ablagen – Rechnungen, falsche Kopien, Werbung. Es kommt mir vor, wie das Märchen vom süßen Brei – nur dass bei mir Papier- und nicht Breiberge quellen (mit letzterem könnte ich mich ja noch anfreunden).

Im zweiten Emanzitionsschritt habe ich sogar schon gewagt, Bücher in den Papierkorb     (nie in den Ofen) zu werfen. Diese waren total zerfledert, rochen komisch und/oder waren fragwürdigen Inhalts. Gerade bei letztem Punkt ist meine Toleranzschwelle sehr sehr hoch. Weg kommen nur Druckwerke, die eindeutig Auftragsliteratur sind und indoktrinieren sollen. Der Rest wandert in die Kiste mit den langweiligen, unterfordernden oder nicht mehr benötigten Büchern. Diese ist fast voll und wird bald verschenkt. Ich selbst bin sehr kritisch, kann aber nicht über den Unterhaltungswert für andere richten. Vielleicht freut sich doch jemand über „Der Jagdhund“ oder den Sick’schen „Dativ“.

Zurück zum Papier. Dieses liegt jetzt in der blauen Tonne, wird (hoffentlich) receycelt und begegnet mir vielleicht in Form einer Zeitschrift oder eines schönes Notizheftes wieder.

Verschlankt grüßt

Neja

  • Ich weiß natürlich, dass der Begriff „Papiernazi“ eine negative Bedeutung hat und damit die Schreibtischtäter unter Hitler bezeichnet wurden, welche auf dem Papier Befehle erteilten und sich nicht die Hände schmutzig machten. Aber Mensch, ich will nicht immer politisch korrekt sein, hat mir ja beim Papier auch nichts gebracht.

 

Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.

Kurt Tucholsky

Buch der Woche 4 -Natalia Sanmartín Fenollera: Das Erwachen der Señorita Prim

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Buch der Woche 4 -Natalia Sanmartín Fenollera: Das Erwachen der Señorita Prim

Dieses Buch habe ich nicht verstanden. Eine Freundin schenkte es mit den Worten: „Ist mal was anderes.“ Oja, endlich mal ein Buch ohne Handlung, ohne Message, ohne Spannung.

Eine junge Frau kommt als Hauslehrerin zu Kindern, die über den Bildungskanon 70jähriger Doppelprofessoren verfügen. Vorhersehbar bringen die Kids unerträglich altklug den emotional verletzten Hausvater und die sensible Neulehrerin zusammen. Natürlich darf die unkonventionelle und überdrehte Schwiegermutter nicht fehlen, welche nach einer Herzensprüfung den Segen erteilt. Mehr passiert nicht. Das ganze in einem Ort, in dem jeder Einwohner nur seiner Bestimmung und Berufung nachgeht. Dabei hat er viel Zeit, um ausufernde salbadernde Gespräche mit der Neubürgerin führen zu können. Diese erfährt durch die sinnlosen Dialoge nicht überraschend natürlich auch noch eine Persönlichkeitswandlung. Hört sich an wie eine Bahnhofsbuchhandlungsschundroman, kommt aber im seriösen Gewand von Pieper daher.

Der eh schon dröge Coelho unter Valium mit einer Prise Utopia, aber alles unendlich laaangweilig.

Was mache ich damit? Zu der Kiste mit den 100 anderen Büchern, die ich mich nicht mal zu verschenken wage?

Müde grüßt Neja

Kein würdiges Zitat.

Buch der Woche 3 -Stefan Maelck: Ost Highway

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Buch der Woche 3 -Stefan Maelck: Ost Highway

Schlüpfer. Es geht um Schlüpfer.

Ich weiß gar nicht, wie dieses Buch zu mir gekommen ist, wahrscheinlich Grabbelkiste oder Biblioteksgratisabgabe. So könnte ich mir erklären, warum das Druckwerk nach Kotze riecht.

Das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Ein kurzweiliger Krimi über eine Ostradiomoderatorin, welche mit einem Schlüpfer erwürgt wurde. Die Dama wurde als IM Maja geoutet, was auf frühe Schandtaten und späte Rache deutet. Ihr Kollege Meyer, im Zweitjob Privatdedektiv, bringt mit Hilfe seines hessischen Buddys, einem Lousiannatrip und viel Alkohol Licht nach „Dunkeldeutschland. Aber keine Sorge, weder Ostdissing noch tiefe politische Abhandlungen sind in dem Band zu finden, dafür Unmengen von musikalischen Zitaten und Anspielungen. Maelck übertrifft Hornbys „High Fidelity“ um Längen, wobei die Musikrichtung eine ganz andere ist. Manchmal wird es zuviel, wenn jeder Dialog zwischen Meyer und seinem Kumpel Heuser aus geheimen Expertensongzeilen besteht. Das ganze im Sprachstil von supercoolen, wortkargen hardboiled dedective Vorbildern (bewusst oder nicht gut kopiert, erschloss sich mir nicht). Ansonsten ist nichts hard oder gewalttätig in diesem Buch, der Protagonist heult beim Plattenauflegen und gemordet wird mit Schlüpfern.

Die Namen der Figuren sind für mich als ehemalige Onomastin (ja, googelt ruhig) ein Fest. Hank Meyer (und wie er selber richtig sagt, der Name ist noch besser als Dschingis Lehmann), Gerda Lattke, Gisela Manfraß, Fallbeil und Bösendorfer. Auf die Dauer nerven die obercoolen,  zynischen Dialogen, die Meyer mit allen Gesprächspartner führt, aber die Kurve zum Happy-End, bei dem alle froh sind, den Täter nicht gestellt zu haben, ist gelungen. Das Buch liest sich flüssig weg, oft musste ich grinsen bis gickern – der richtige Kandidat für meine 10 min Bettlektüre.

Es gibt einen zweiten Fall von Hank Meyer („Tödliche Zugabe“) – wenn ich den ohne Geruchsspuren kriege, lese ich ihn auch.

 

Am Nebentisch saß eine Runde Kunstpatienten, bei denen Wiglaf Droste Essayismus im Endstadium diagnostiziert hätte.

aus „Ost Highway“

Erheitert grüßt

Neja

 

 

 

Buch der Woche 2-Leonid Jusefowitsch: Das Medaillon

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Buch der Woche 2-Leonid Jusefowitsch: Das Medaillon

Zäh, ganz zäh. Fast hätte ich das zweite Buch meines Projekts nicht zu Ende gelesen, diesmal aus Gründen der Langweiligkeit und der Fadheit.

Ich habe es ja eigentlich mit den Russen. Während in der 9. Klasse im schuleigenen Bestellclub alle anderen das legendäre Aufklärungsbuch „Denkst du schon an Liebe?“ bestellten , orderte ich Puschkins Jugendbiografie „Alexander in Zarskoje“. Dann später die Gedichte und meine Liebe zu wehmütiger Dramatik und unglaublich langen Namen war erwacht.

Heute stehen noch Dostojewski (auch irgendwie zäh), Gorki und Tschechow im Regal, von den neueren Vertretern Jewtuschenko und Ulitzkaja. Ein ungelesenes Schmankerl, auf das ich mich freue, ist Viktor Pelewin mit „Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin„. Ein Buch mit diesem Titel muss einfach gut sein. Ich habe alle Bände von Boris Akunins „Fandorin-Reihe“ verschlungen und schätze die Geschichts-und Literaturanspielungen. Ein bisschen Spannung, ein bisschen Mystik, Wortwitz und natürlich der Charme und die Exentrik des Protagonisten Erast Fandorin.  Ihr merkt, ich stehe auf so Cumberbatch-Holmes-Typen. Natürlich ist das keine Hochliteratur, aber für die 10 Bettminuten genau das richtige Niveau. Ich dachte, die Putilin-Reihe wäre eine moderne Fortsetzung. Aber ich quälte mich, ich quälte mich. Auch dieses Buch strotzt vor Geschichts-und Literaturverweisen, die sind mir aber zu hoch. Oder wusstest ihr, dass es in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts einen militärischen Konflikt zwischen dem türkischen Sultan Mahmud II. (1784-1839) und seinem Vasallen Mehmed Ali(1769-1849) gab, der Ägypten aus dem Osmanischen Reich lösen sollte? Fünfzeiligezeilige Fußnoten, da kam der Geschichtsprofessor in Jusefowitsch durch. Rahmenhandlung: Der Polizeipräsident Iwan Putilin erzählt einem Schreiber seine Biografie und damit auch den Fall des mysterösen Medaillons, welches den Empfänger vor seinem baldigen Tod warnt. Eine verschwundene Großmutter, zwei Giftmorde, einen erdrosselten Hund, der dann doch noch lebt, stellt sich heraus, dass es sich um eine banale Fremdgeh-und Erbengeschichte handelt. Irgendwas mit Freimaurern war auch noch. Ganz nett, aber auch etwas verwirrend ist, dass sich Biograf und Putilin ständig auf der Metaebene über leserfreundlichere Änderungen in der Geschichte unterhalten.

Es soll noch zwei Bände geben. Mir egal.

 

… war die gut dreißig Jahre alte Baronin eine jener hauptstädtischen Halbweltdamen, auf deren Gesicht mit Geheimtinte, die im Gespräch mit einfachen Sterblichen sichtbar wurde, das Jahreseinkommen ihres Gatten geschrieben stand.

aus „Das Medaillon“

Do swidanja

Neja

Drahtbügelamok

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Drahtbügelamok

Boah, kennt ihr das? Ihr wollt ein Kleidungsstück aus dem Schrank ziehen und entweder hakt es wie die Hölle und ihr müsst ewig ziehen und zerren und/oder es kommen euch gleich mehrere Teile entgegengeschossen, die natürlich auch ineinander verwurschelt sind. Im schlimmsten Fall pieksen euch die Drahtbügelspitzen ins Gesicht.

Ich hatte den täglichen Nahkampf am Kleiderschrank satt. In einem Wutanfall riss ich alles, was irgendwie glänzte heraus und arbeitete mich daran ab, blutige Ritzer in den Händen inklusive.  Das Ergebnis war ein wirres-irres Knäuel, welches nicht einmal fotografierwürdig ist und die haptisch-motorische Aufarbeitung meines seit Jahren währenden Drahtbügelhasses darstellte.

Woher kommen die Dinger eigentlich? In den Kaufhäusern gibt es Plastikbügel, mit den dünnen Drahtteilen würden die armen Zurücksortiererinnen doch durchdrehen. Ich kann mich nicht erinnern, wie und woher unser Haushalt in den Besitz von ca. 50 Drahtbügeln kommt (jetzt nur noch 20, hähä).

Es gibt zwar nette DIY-Ideen wie diese hier, aber da dieser Blog ist ein gepflegter Anti-DIY-Blog ist und ich außerdem nicht mehr täglich die Objekte meines regelmäßigen Ärgers sehen möchte – ab in die Tonne.

Holzbügel besorgt, Kleiderschrank geordnet, einen kleinen Aufreger aus der Welt geschafft. Es wird.

Leichtmetallbefreit grüßt

Neja

*Reinigung, aha Reinigung (50 mal?)

Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben.

Marie von Ebner-Eschenbach

Buch der Woche 1 -Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

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Buch der Woche 1 -Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Das fängt nicht gut. Das erste Buch in meiner BdW-Reihe und ich habe nicht geschafft, es (ganz) zu lesen. Die Gründe sind ehrenhaft, doch dazu später.

Von Herrndorf steht schon seit Jahren sein dünnes Taschenbuch „In Plüschgewittern“ im Regal. Ich las es einmal und sortiere es aufgrund des Sujets (sensibler Mann verliert und findet sich in Kunst, Drogen, Frauen..) neben Matthias Altenburg und Joachim Lottmann ein. Gut und schnell lesbar, einige Anstreichstellen, aber nichts mit Sog.

Anders dann „Tschick“, welches mir schon länger bekannt war, aber Zeit brauchte, sich im Lesestapel nach oben zuarbeiten. Dieses Buch verschlang ich – ein Zustand, denn ich seit frühester Kindheit kenne, denn aber heute immer weniger Bücher in mir auslösen. Ich erinnere mich an die Rahmenhandlung, die mir verrückt, unmöglich, aber gerade deshalb möglich erschien. War da nicht eine Wartburgverfolgungsjagd im Braunkohlegebiet? Die intensiven Gefühle, Dialoge und Taten von Hauptperson, russischem Freund und Müllmädchen, die man nur in einer bestimmten Altersspanne genauso fühlt, sind mir bis heute im Gedächtnis.

Seinen nächsten Roman „Sand“ las ich nicht: damals bewusst, aber vielleicht hole ich es nach. Und dann die Diagnose und der Blog. Erschüttert und voller Respekt  verfolgte ich die Meldungen über sein Tun. Wie ich im Umgang mit Krankheit und dem Tod sozialisiert worden bin, übte ich mich auch hier in Ignorieren und Verdrängung. Ich traute mich nicht einmal, intensiv auf seinem Blog zu lesen – ich hielt das Gefühl nicht aus, einem Todgeweihten beim bewussten Sterben zuzusehen..

Die Todesnachricht, dann das Buch. Zweieinhalb Jahre schlich ich drumherum, bevor ich den Mut hatte, es auszuleihen. Zu Hause lag es noch einige Wochen unaufgeschlagen und konfrontierte mich mit meiner Urangst vor Krankheit, Leiden, Schmerz und Sterben. Ich machte zweimal den Versuch zu lesen – schaffte aber nicht mehr als ein paar Seiten. Der harmlose Einstieg im Pinguinkostüm, zwischendurch sensible Naturskizzen, das Ab und Auf der Krankheitsgeschichte und dann die bis zum Schluss so klar reflektierenden Selbstbeschreibungen.

Ich las die Anmerkungen und schloss das Buch tieftraurig. Andererseits auch unendlich beeindruckt von der Klugheit, Menschenliebe und Schaffenskraft Herrndorfs und seinem schlussendlichen Mut.

Und immer wieder vergesse ich die Sache mit dem Tod. Man sollte meinen, man vergesse das nicht, aber ich vergesse es, und wenn es mir wieder einfällt, muss ich jedes Mal lachen (…). Denn es geht mir ja gut.

Wolfgang Herrndorf

Traurig grüßt Neja

 

 

Der doch nicht FSK-Hasspost

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Der doch nicht FSK-Hasspost

Da wollte ich doch so einen richtigen schönen Hasspost über die FSK schreiben und noch ein bisschen über die Geldgier des örtlichen Kinobetreibers wettern. Zum Glück habe ich in alter Journalismusmanier vorher noch ein bisschen recherchiert und muss nun kleinlaut gestehen, dass mich meine mütterliche Wut gepaart mit Halbwissen fast an den Rand des Peinlichkeitsabgrundes gebracht hätten.

Folgendes trug sich zu: die Söhne sahen den neuen Star Wars Film (der im Übrigen “ endkrass“ ist und sie sind die Experten). Die Söhne sind elf einhalb (wirklich!) und gingen natürlich mit ihrem Personensorgeberechtigten ins Kino, der sie im Fall des Falles pädagogisch sensibel auffangen sollte. Der Fall trat ein – es war der Trailer des neuen de Caprio „The Revenant“ (FSK 16). Auch dieser Film soll gut sein – der Trailer war es nicht, was der Sorgeberechtigte bestätigte. Die Jungs waren so verstört, dass sie sich gar nicht mehr auf den Hauptfilm konzentrieren konnten. Zuhause erzählten sie nur von der Vorschau, in der ein Mensch vom Bären zerfetzt, ein Kind erschlagen wird und sich jemand aus einem Grab buddelt. Alptträume in den nächsten Nächten inklusive. Mein Mutterherz bebte und ich kombinierte: Hauptfilm ab 12 Jahre, Vorstellung um 20 Uhr – der Kinobetreiber will mit dem blutrünstigen Trailer älteres Publikum anlocken. Ist aber (zum Glück) nicht so.

Denn meine Recherche ergab:

  1. Film und Trailer bekommen eine seperate FSK- Einstufung, die sich oft unterscheidet.
  2. Zu „The Revenant“ gibt es 13 (!) unterschiedliche Trailer.
  3. Alle diese Trailer sind mit FSK 12 eingestuft.
  4. Der Kinobetreiber hat alles richtig gemacht.
  5. Ich bin wahrscheinlich zu weich.

Ich sattelte mein Pferd also wieder ab, löschte die Fackel und zerriss das Protestschreiben.

Mit entschuldigenden Grüßen nach Wiesbaden

Neja

 Es ist dumm, sich über die Welt zu ärgern. Es kümmert sie nicht.

Marc Aurel